Jan Buchholz, Jonathan Klein

coJIVE - Ein Softwaresystem für computergestützte Jazzimprovisation

coJIVE ermöglicht es, einem breiten Publikum, gemeinsam aktiv an einer Jazzsession teilzunehmen, ungeachtet ihrer musikalischen Vorbildung

Nominiert für den
Digital Sparks Award 2006

coJIVE - collaborative Jazz Improvisation Environment

coJIVE - collaborative Jazz Improvisation Environment

Inhaltliche Beschreibung

Das System bietet zwei verschiedene Instrumente: Ein Keyboard sowie ein Paar Infrarot-Stöcke (Batons), die wie die Schlegel eines Xylophons gespielt werden (jedoch ohne das Aufschlagen auf eine Oberfläche). Für jedes dieser Instrumente wurden Mechanismen entwickelt, die den Benutzer musikalisch unterstützen und dabei auf die Charakteristiken des jeweiligen Instrumentes zugeschnitten sind. Der Grad der Unterstützung hängt dabei von der musikalischen Erfahrung und Ausbildung des Benutzers ab.

Das Keyboard erfordert in der Regel präzise Kontrolle. Um unharmonische Klänge in der Performance zu vermeiden, wurden in "coJIVE" verschiedene Mechanismen integriert. Das System berechnet für die verschiedenen Abschnitte der Struktur eines Liedes eine Wahrscheinlichkeitsverteilung über die verfügbaren Noten. Unwahrscheinliche (und damit unharmonische) Noten im Spiel eines Nutzers werden durch eine wahrscheinlichere Nachbarnote ersetzt. Zudem erkennt das System übliche Fehler im Umgang mit dem Keyboard: Sollte ein Nutzer versehentlich zwei benachbarte Tasten mit einem Finger drücken oder zu viele Tasten in einem kleinen Bereich auf der Klaviatur gleichzeitig gedrückt halten (was i.d.R. zu unharmonischen Ergebnissen führt), so filtert "coJIVE" diese Spielfehler heraus. Um das Spiel eines Nutzers anreichern zu können und damit voller klingen zu lassen, wurde die in vielen aktuellen Keyboards zu findende Spielhilfe für das Spielen ganzer Akkorde über nur eine Taste für "coJIVE" erweitert: Musikalische Neulinge können Akkorde über nur eine Taste spielen, Musiker, die sich noch in der Ausbildung befinden, können Akkorde mit zwei Tasten spielen und Musiker mit klassischer Ausbildung können über das spielen klassischer Akkorde (mit drei Tönen) einen Jazzakkord spielen (mit 4 Tönen). Die Auswahl der Akkorde bezieht sich dabei auf die aktuelle Position in der Akkordstruktur. Die Batons ermöglichen eine eher ungenaue Kontrolle, da keine Ziele vorhanden sind, auf die ein Nutzer schlagen kann. Für die Zuweisung einer Schlaggeste wird die Wahrscheinlichkeitsverteilung der verfügbaren Noten in virtuelle Ziele umgesetzt. Dabei gehört jedes Ziel zu einer bestimmten Note und seine Weite im Eingabebereich der Batons spiegelt die Wahrscheinlichkeit der Note wieder. Damit wird es einfacher, wahrscheinlichere Noten zu spielen.

"coJIVE" hat darüber hinaus die Fähigkeit, eine Session zu strukturieren und ihren Ablauf zu kontrollieren. So kann das System zu einem gegebenen Stück die Hauptmelodie wiedergeben und eine Begleitung in Form einer Basslinie und eines Schlagzeug-Rhythmus generieren. Die Struktur einer Session in "coJIVE" ist der einer wirklichen Jazzsession sehr ähnlich: Zunächst wird die Hauptmelodie wiedergegeben (durch das System), woraufhin sich die Teilnehmer darin abwechseln, in Soli zu improvisieren. Die Länge dieser Soli sowie die Reihenfolge der Solisten wird von Jazzmusikern i.d.R. vor der Session abgesprochen oder dynamisch durch Gesten während des Spiels bestimmt. "coJIVE" übernimmt die Strukturierung für die Nutzer, in dem es ihnen Rollen (Solist, Begleitung) zuweist. Diese werden den Nutzern über entsprechende Anzeigen in der Applikation sowie über Lichter an den Instrumenten vermittelt. Zusätzlich wird die Rollenverteilung durch einen Mechanismus unterstützt, der es für die begleitenden Teilnehmer schwerer macht, laut zu spielen (und so ggfs. den Solisten zu stören), ohne aber ihr Spiel ganz auszublenden. Die Länge eines Solos kann zwischen 30 und 60 Sekunden variieren, basierend auf dem Verhalten des Solisten, um genügend Freiraum für eine Improvisation zu lassen ohne aber die anderen Teilnehmer zu lange in der Rolle der Begleitung zu belassen.

"coJIVE" wurde unter Einbezug verschiedenster Benutzergruppen entwickelt, um deren Bedürfnisse identifizieren zu können und durch gezielte Unterstützung auf sie einzugehen. Wir hoffen, mit "coJIVE" auch musikalisch ungeschulte Personen dazu ermutigen zu können, die Jazzimprovisation auszuprobieren.